
Psychische Hilfe mit Hausverstand statt Therapeutisierung jeder Lebenskrise
Die MFG Oberösterreich fordert einen grundlegenden Kurswechsel in der psychosozialen Versorgung. Statt belastende Lebenssituationen reflexartig in Richtung Psychotherapie zu verschieben, brauche es endlich ein echtes multiprofessionelles Stufenmodell mit der Lebens- und Sozialberatung als erster niederschwelliger Anlaufstelle.
Massive Zunahme psychischer Belastungen
„Dass psychische Belastungen seit den Corona-Jahren massiv zugenommen haben, ist wenig überraschend. Viele jener politischen Kräfte, die harte Lockdowns, soziale Isolation, Schulschließungen und enormen gesellschaftlichen Druck mitgetragen haben, tun heute so, als wären diese Entwicklungen völlig unerwartet gekommen“, so LAbg. Manuel Krautgartner, MFG-OÖ Klubobmann. „Kinder und Jugendliche wurden isoliert, ältere Menschen vereinsamten, Familien gerieten unter enormen Druck und Existenzängste wurden massiv verschärft. Wer heute über psychische Gesundheit spricht, darf über diese politischen Ursachen nicht schweigen.“
Die MFG kritisiert, dass psychische Belastungen heute zunehmend automatisch als behandlungsbedürftige Erkrankungen betrachtet werden. Die internationale Forschung geht jedoch längst in eine andere Richtung. „Die moderne Forschung arbeitet heute mit transdiagnostischen und dimensionalen Modellen. Belastungen werden nicht mehr einfach nur als ‚krank‘ oder ‚gesund‘ verstanden. Viele Krisen, Überforderungen oder Einsamkeitssituationen sind zunächst Lebenslagen mit psychischer Komponente – keine schweren pathologischen Störungen“, erklärt Krautgartner. Genau in diesem Bereich ist die Lebens- und Sozialberatung positioniert. Trotzdem wird diese Berufsgruppe politisch seit Jahren weitgehend ignoriert.
„Nicht jede schwierige Lebensphase ist automatisch eine psychische Erkrankung. Wer unter Überforderung, Konflikten, Einsamkeit oder Zukunftsängsten leidet, braucht oft zuerst Orientierung, Stabilisierung und Begleitung – und nicht sofort die teuerste und knappste Ressource unseres Gesundheitssystems“, betont Krautgartner.
Besonders kritisch sieht die MFG politische Modelle, die psychotherapeutische Strukturen zur allgemeinen Eingangsstelle für sämtliche Belastungssituationen machen wollen. Psychotherapeutische Kapazitäten sind bereits heute massiv überlastet. „Wer die knappste Ressource zur allgemeinen Eingangstür macht, verschärft den Engpass, statt ihn zu lösen. Gleichzeitig gibt es tausende qualifizierte Lebens- und Sozialberater, die sofort niederschwellig unterstützen können. Das ist keine sinnvolle Patientenlenkung – das ist Fehlallokation von Ressourcen“, so Krautgartner.
Die MFG fordert daher ein klares Stufenmodell:
- Lebens- und Sozialberatung bei subklinischen Belastungen und schwierigen Lebenslagen,
- professionelle Abklärung bei Verdacht auf psychische Erkrankungen,
- Psychotherapie bei tatsächlichem therapeutischem Bedarf,
- fachärztliche oder stationäre Versorgung bei schweren Fällen.
Konkret spricht sich die MFG für mindestens zehn finanzierte Erstberatungseinheiten bei Lebens- und Sozialberatern als erste niederschwellige Versorgungsstufe aus.
„Gerade nach den gesellschaftlichen und psychischen Verwerfungen der Corona-Jahre brauchen die Menschen rasche und leistbare Hilfe. Aber die Antwort darauf kann nicht sein, jede Lebenskrise automatisch zu therapeutisieren.“
„Wir brauchen endlich eine psychosoziale Versorgung mit Hausverstand“, so Krautgartner abschließend.
Rückfragehinweis:MFG Oberösterreich
(+43 732) 7720 – 17402
presse-ooe@mfg-oe.at
www.klubmfg-ooe.at
